Am Anfang werden keine Geigen spielen…

 

Das bin ich. Gebrauchsfertig und älter geworden. Und hier wohne ich. In einem Haus mit vielen Türen. Und hinter jeder Tür steckt ein anderes Gesicht. Und doch ist es so, dass jedes dieser Gesichter morgen wieder erkannt und gegrüßt werden will. Deshalb stellt man sich dazu, gerade solange um ein paar freundliche Floskeln zu wechseln und sich zu merken, welches Gesicht zu welcher Wohnungstür gehört.

Zuhause erwartet mich auch ein Gesicht. Freundlich kommt es daher. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einen süßlichen Hallo. Und dann kommt noch ein Kuss. Es ist ein schönes Gefühl, so begrüßt zu werden. Den Rest des Tages machen wir wie immer.

Später geht sie noch aus. Ich bleibe allein zurück. Ohne irgendetwas. Und da fahre ich eben den Laptop hoch. Hier sitze ich und öffne Seiten, um etwas zu finden, von dem ich jetzt noch nicht einmal weiß, dass ich danach gesucht habe. So kann die Zeit vergehen. Denn bald wird sie wieder zurück kommen. Es wird nicht spät, hat sie beim Hinausgehen gesagt.

In diesem Augenblick kommt ein Videoanruf herein. Es ist Elias. Und es freut mich von ihm zu hören.

Wir hatten uns für länger Zeit aus den Augen verloren. Ein Zufall hat uns wieder zusammengebracht. Jetzt halten wir Kontakt. Wir telefonieren. Oder sehen uns per Videochat.

Und nun bin ich froh zu sitzen, denn was er sagt, würde mir glatt die Füße vom Boden ziehen.

Ich möchte das du kommst und dabei bist, sagt er: Lass mich nicht in Stich.

Und was ist jetzt. So ein Moment. Indem ich nicht weiß, wie mir geschieht. Da muss ich schlucken. Und darf nicht vergessen, weiter zu atmen. Klein fühle ich mich nun. Und dürre, knochigen Finger spüre ich auf den Schultern. Die Vergangenheit greift nach mir. Der Schauder läuft mir dabei über den Rücken.

Solch Augen bekomme ich. Verliere an Farbe.

Mann, du siehst aus als müsstest du gleich kotzen. Ist es wirklich so schlimm? sagt er: Vergiss doch was war. Raffe dich auf und komm doch her.

A-A-Ahm, stottere ich und stoße dabei Luft laut heraus.

Ich zähle auf dich. Du musst dabei sein, sagt er.

Ich weiß nicht so recht, sage ich.

Überlege nicht zu lange. Mache es einfach. Bis bald und Tschüss!, sind seine letzten Wort. Dann beendet er den Anruf.

Da steht sie in der Tür. Habe sie nicht kommen gehört. Ihre Lippen kräuseln sich. Ihr Blick verrät, dass sie etwas sagen möchte.

Ich will nicht darüber reden, sage ich.

Ich hatte es nicht vor, antwortet sie.

Schnell erhebe ich mich. Schlage nebenher den Laptop zu. Und mit so einen Blick dränge ich an ihr vorbei. Ich möchte mit ihr jetzt nichts anfangen. Habe nur das Gefühl, dass ich frische Luft brauche.

Schnell sind die Klamotten getauscht. Und die Laufschuhe an.

Es wird Abend. Straßenlaternen gehen an. Kaltes Wetter erwischt mich. Bringt Gänsehaut. Ich laufe die Straße hinunter und biege auf den Weg zu dem naheliegenden Park ein. Auch dort leuchten schon die Laternen.

So laufe ich durch Nieselregen. Und durch meine Gedanken. Mit jeden Schritt wird mir wärmer. Mit jeden Schritt nimmt der Regen zu. Schweiß und Regenwasser tropfen aus meinen Haaren. Ich sprinte über nasse, graue Wege. Durch meinen eigenen Dunst. In monotonen Atemzüge.

Im Kopf diese Bilder. Alte von früher. Hinzu voller Flecken und verblasster Farbe. Mit Kratzer und Rissen. Dazu fehlende Teile. Verwackelt und verschwommen. Aber voll mit Erinnerungen. Und diese bringen Stimmen mit sich, wobei eine lauter als die andere sein will und Fäuste, welche gegen Holz schlagen, um nicht Gesichter zu treffen. Sie schicken mich durch Räume und setzen mich an einen langen Tisch. Und ganz unten ist mein Platz. Und obwohl ich damals auch schon etwas zu sagen hatte, wollte es niemand von den anderen am Tisch hören. Sie brachen meine Worte, wie das Brot, das sie mir zum Essen reichten, in der Mitte entzwei. Und würgten sie danach unzerkaut hinunter.

Doch jetzt zählt das alles nicht mehr. Nun stört es niemanden mehr, dass auch ich etwas zu sagen habe. Sie hören mir zu und bieten mir sogar Fragen an. Und sie wollen wissen, ob ich es ernst meine. Und ich will wissen, ob es echt ist. Und ja. Tatsächlich wir meinen es ehrlich miteinander. Und so kann ich sie auch meine Freunde nennen.

Durchnässt komme ich zu Hause an. Der Puls springt mir aus dem Hals. Zehn Kilo leichter fühle ich mich. Habe den Frust vor der Tür gelassen. Da ziehe ich mir die Schuhe und das nasse T-Shirt aus. Geradeeben kommt sie aus dem Badezimmer. Nur in einem Badetuch eingewickelt. Zärtlichen Hände, welche über gekräuselter Haut streicheln, heißen mich willkommen. Im Kopf verliert sich der Nebel. Ich will sie spüren. Ganz nah an mir. Zungen treffen sich. Speichel vermengt sich.

Meine Hände haben auch keine Scheu vor ihr. Ich lehne sie gegen die Wand. Und zwischen all diesen Händen erscheint nackte Haut. Die erkundet werden will.

Sie nimmt meine Hand. Und führt mich zur Coach. Von dort aus entfliehen wir gemeinsam ins irgendwo. Heftig atmend und in unserem Dampf kochend kommen wir zurück. Mit wild klopfenden Herzen.

Danach passiert alles so wie immer. Und den Rest des Abends machen wir vor dem Fernseher auf der Couch klein.

Stumme Tage folgen. Langsam verliert die Vergangenheit wieder an Bedeutung. Der Alltag nimmt in unserem Leben wieder seinen ursprünglichen Platz ein und lässt die Zeit vergehen.

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