Frühere Angelegenheiten… (3. Kapitel)

Wenn ich zurück denke, dann kann ich mich an jene Begebenheiten, welche Risse und Löcher zurückgelassen haben, am ehesten erinnern.

Von mir nehmen sie gerne Kenntnis. Obwohl ich nichts Besonderes bin. Doch scheine ich ihnen zu gefallen. So wollen sie mich bemerken. Und dann lachen sie mich aus.

Mein Tag beginnt wie üblich. Zuerst werde ich geweckt. Sogleich ziehe ich mich an. Esse und trinke etwas. In der Waschküche putze ich mir die Zähne. Wasche mir das Gesicht. Und dann mache ich mich auf den Weg zu Schule. Dabei habe ich es wirklich eilig. Der Weg führt durch Wald, über Hänge und Wiesen und durch die Ortschaft. Ich möchte den Bus nicht versäumen. Demnach verpasse ich den Zug. Und komme zu spät. Das bringt nur Ärger in der Schule. Und einen Spaß für die anderen Mitschüler.

Im Zug schlafe ich ein wenig nach. Hänge im eigen Dunst. Regenwasser tropft aus meinem fransigen Haar — Mutter wird es mir am Abend schneiden. Es ist ihr nicht wichtig, dass ich anderen ähnle. Obwohl es mich nicht stören würde, wie all die anderen auszusehen.

Jetzt schaffe ich es noch rechtzeitig. Mit feuchtklebriger Kleidung komme ich so gerade beim Klingeln in die Klasse. Die von der letzten Bank machen ein paar abfällige Bemerkungen. Manchmal macht es mich zornig. Und dann brülle ich sie an. Heute sage ich nichts. Der Lehrer kommt herein. Ohne große Vorkommnisse überstehe ich den Vormittag. Nun bin ich endlich trocken. Aber mit Flecken auf der Hose.

Am Nachmittag gehen sie mich deswegen an und schupsen mich in die Ecke. Sie beschimpfen mich „Drecksau“ und sagen: Kannst du dir keinen ordentlichen Frisör leisten!

Und sie spielen mit mir, wie Wind mit Blätter spielt. Und da treten sie mich am Boden fest.

Sie zehren und reißen an mir. Sagen, dass ich Abschaum und ein Arschloch wäre. Es folgt ein Hagel an Schlägen und Tritten. Halte meine Arme schützend vor das Gesicht. Doch spucke ich Blut.

Sobald verstummt der lebhaft Beifall.

Lasst uns aufhören. Macht keinen Spaß mehr!, sagt der eine. Jener, der sich sehr wichtig nimmt.

Der ist fertig!, sagt der andere, der sich gerne wie ein Schirm aufspannt.

Da liege ich nun. Im eigenen Saft. Und dünste dahin.

Doch dann! Mit letzter Kraft rapple ich mich hoch. Die Beine, wie Gummi. Schwindlig ist mir. Metallischer Geschmack im Mund.

Du feige Sau!, rufe ich ihm nach. Jenen, der glaubt, das Vorrecht an Bedeutsamkeit zu besitzen.

Sogleich steht er wieder vor mir. Mit ebensolch einen Blick versucht er mich auf Miniaturgröße zu schrumpfen. Doch diesmal schafft er es nicht. Ich spanne meine Schultern aus und drücke die Brust hervor.

Es ist so ein Augenblick, der nun mir gehört. Mit Adrenalin im Blut. Und meine Faust in seinem Gesicht!

Wochenlang schon drangsalieren sie mich. Sind so richtig gemein zu mir. Tagaus. Tagein. Und dieser Typ ist der schlimmste von allen. Immer vorne dabei. In der ersten Reihe. Und wenn er mit mir fertig ist, wenn er mich so richtig drangenommen hat, reicht er mich an die anderen weiter. So grinst er dabei.

Doch jetzt wankt er. Ein weiterer Haken in die Magengrube. Und in diesem Moment fällt er. Und ich stürze mich auf ihn. Meine Fäuste in seinem Gesicht. Und es ist so ein Gefühl dabei. So eines, welches durch ihm hindurchfährt.

Lass mich endlich Ruhe, du Arsch! Verdammt, lass mich endlich in Ruhe, brülle ich.

Und jetzt applaudieren sie nicht. Sogleich sind sie bei uns.

Sie zerren mich von ihm runter. Klatschen mich gegen die Wand. Wie Fallobst lande ich am Boden. Blut tropft mir aus der Nase. Ich schnaufe vor mich hin.

Leute laufen herbei.

Das wird dir noch leidtun, zischt einer von ihnen.

Was ist hier passiert?, schreit jemand.

Der war’s!, höre ich.

Sie kümmern sich um ihm. Um mich sorgt sich keiner.

Alle beide zum Direktor, ein Stimme wie rostiges Eisen.

Irgendjemand zieht mich hoch. Ich gehe anstandslos mit.

Da sitze ich nun. Mit hängend Kopf. Dort sitzt er. Mit knallroten Kopf. Sein Vater sitzt neben ihm. Aufrecht und mit ernster Mine. Mein Vater sitzt neben mir. Durchsichtig wie immer. Der Direktor sitzt, einen kleinen Bauch von sich gestreckt, an seinem Schreibtisch, räuspert sich und er erinnert uns an den  Anlass, warum wir hier alle versammelt sind, und das dieser Anlass nun auch unausweichlich zu seiner Angelegenheit geworden ist. Und dann hält er uns eine Strafpredigt.

Was habt ihr euch nur dabei gedacht?

Keine Ahnung, sagt er kleinlaut.

Ich habe keine Antwort. In solch Momenten denke ich mich einfach weg. Geradeaus. Um die Ecke. Und stelle mir dabei etwas vor. Da habe ich eine andere Familie. Eine normale. Mit Haus und Garten. Da komme ich nach Hause. Bekomme mein Essen. Werde dies und das gefragt. Und es gibt tröstliche Worte über die drei in Deutsch. Und als Aufmunterung eine Nachspeise. Und da habe ich auch Zeit. Zeit zum Erzählen. Zeit für ein paar Freiheiten. Zeit für Aufgaben. Mutter hilft mir dabei. Später erinnert sie mich daran, alles für die Schule einzupacken. Morgen will sie mit mir Kleidung einkaufen gehen. Etwas Neues, sagt sie. Und am Abend kommt Vater nach Hause. Fragt wie unser Tag war. Und er hört zu. Und schlägt mir auf die Schulter: Gut gemacht!

Jemand stößt mich unsanft in die Seite.

Warum grinst du?

Blicke sind auf mich gerichtet. Bestimmt würden sie sich nur darüber ärgern und es als dumme Phantasie bezeichnen. Deshalb sage ich nichts.

Sein Vater hat etwas zu sagen. Mein Vater hat nichts zu sagen. Der Direktor hat noch mehr zu sagen.

Mein Sohn ist kein Schläger, sagt sein Vater.

Sie machen hier was sie für richtig halten. Und ich werde es zu Hause tun. Auf Wiederschauen, sagt mein Vater.

Das sind andere Leute, sagt sein Vater. Und schüttelt den Kopf.

Nach Vaters Aufforderung, mich zu erheben, gehen wir wortlos aus dem Büro hinaus. Beim Hinausgehen tuscheln sie hinter unserem Rücken. Wiederum bemerken sie es. Und in diesem Augenblick würde ich gerne einmal nicht anders sein. Dabei sinke ich tiefer in den Boden.

Vater ist verärgert. Der Hubert-Bauer musste den fünfzehn Minuten Marsch zu uns rauf machen, um Vater Bescheid zu geben, dass etwas in der Schule vorgefallen ist und ich abzuholen wäre. Mutter hat dem Hubert-Bauern als Entschädigung etwas von dem Selbstgebrannten mitgegeben. Vater machte sich sogleich in der Waschküche sauber und wechselte die Kleidung. Danach ist er durch den Wald zum Anfang des Forstweges gelaufen. Dorthin, wo unser altes Auto parkt, weil wir keine eigene Zufahrt zum Haus haben. Mit über hundert Sachen ist er dann über die Straßen gefahren, um noch rechtzeitig hier anzukommen.

Mein Vater schimpft mich. Nennt mich eingebildet und selbstgefällig.

Ich starre aus dem Fenster der Beifahrerseite. Obwohl ich es nicht will, laufen mir die Tränen über die Wangen. Versuche dabei so leise wie möglich zu schlucken. Er soll es nicht mitbekommen.

Seine Hand will nicht zu schlagen. Aber sie stellt mich in die Ecke. Und dort muss ich bleiben.

Nach dem Abendbrot sitzen alle bei Tisch. Und ich stehe immer noch auf den selben Platz und muss vorlesen. Er rügt mich für mein monotones Lesen. Die anderen lachen hinter meinen Rücken.

Vater lebt ein kleines sauberes Leben auf seinem Hof. Geleitet durch göttliche Hand. Und ich spüre über mir das Damoklesschwert schwingen. Mich hat Gott verlassen.

 

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David Wonschewski | Autor

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