Kopf über! (1. Episode)

Nico:

Manchmal würde ich es gerne einfach nur herausbrüllen: Ich hab die Schnauze davon gestrichen voll, immer wieder von dieser Schweißwelt beschissen zu werden. Aussichten zu haben, welche in der Gegenwart schon wieder aussichtlos geworden sind. Darum habe ich beschlossen, das mir das „Hier und Jetzt“ ausreichend erscheint. Und der Augenblick zählt. Und in diesen Augenblick überreiche ich ihr mich. Als Geschenk. Ganz und gar.

3-2-1, wird gezählt. Ein Moment um zu begreifen, was nun gleich passieren wird. Ihr hübsches Gesicht neben mir. Ein kalter Windhauch. Ich spüre ihren Arm hinter meinen Rücken. Wir drücken uns fest gegeneinander — und dann stürzen wir in die Tiefe…

Und mein Herz bleibt für einen Herzschlag lang stehen – hört für eine Nanosekunde auf zu schlagen. Sogleich beschleunigt sich meine Herzfunktion auf das Doppelte und mein Blutdruck schnellt in die Höhe. Eine Menge Adrenalin in der Blutbahn. Das verdickte Blut fährt in meinen Kopf – Ein enormen Druck in der Brust und ein kugelrunder Kloß im Hals, welcher mir das Atem nicht mehr erlaubt. Der kalte Angstschweiß treibt aus jeder Pore hervor, und jedes Härchen auf meinen Körper beginnt sich zu sträuben. Jede Faser in meinem Körper ist zum Reißen gespannt- und ich schreie und brülle es lautlos heraus: Stirb! Stirb doch endlich!

Gedanken überfluten mich. Was würde sein, wenn ich unten auf knallen würde? Mit voller Wucht! Mein Körper würde aufplatzen und die Eingeweihten würden herausquellen. Blut würde spritzen und der Kopf würde aufspringen und das Gehirn herauslaufen und sich verteilen…

Und dann hängt sich das Seil ein und geht auf Spannung. Die Luft presst sich durch die zugedrückte Kehle. Und wir schnellen nochmals zurück in die Höhe und dabei fällt der Schrecken aus meinen Körper und knallt ohne mich unten auf. Ich atmet einmal tief durch und könnte vor Freude die Welt umarmen, meine Oma küssen oder Purzelbäume schlagen, was in diesem Fall nun total blödsinnig ist, weil ich ja kopfüber in der Luft hänge.

Und dann pendeln wir an den langen Kranarm aus und sie lacht in meinem Arm. Lässt die Hände nun über den Kopf nach unten hängen. Langsam senkt sich das Seil. Etwas später werden wir ausgehakt und aus den Gurten befreit.

Und das ist einer von diesen Momenten, in denen ich vergesse, das mein Leben nicht mir gehört. Dass ich es ihr gar nicht schenken kann. Verleihen. Vielleicht? Für diesen Augenblick.

Mit solch Augen blickt sie mich an. Ihr Gesicht steckt in roten Wangen. Sie möchte Zuckerwatte. Wir schlendern an den bunten Ständen und lauten Fahrgeschäften vorbei. Und der gemeinsame Tag vergeht viel zu schnell.

Und nun gehen wir den selben Weg entlang, welchen wir immer zusammen nehmen; zuerst durch den kleinen Park, biegen links ab, gehen an den hübschen Reihenhäusern vorbei, die mit den kleinen schmucken Gärten.

Und manchmal küsst sie mich. Und dabei drückt sie sich gegen meinen Körper. Ihr Gesicht gerötet. Ihre Augen strahlen. Bei der Halteställe verabschieden wir uns.

Ich bin langsam nach Hause gegangen. Der Abend hat sich leise in die Hausnischen und Ecken gedrückt. Über mir, eine Sternen klare Nacht. Ich versuche unbemerkt daheim anzukommen.

Wir wohnen jetzt bei Onkel Alex. Vater hat es so bestimmt: „Es ist die beste Lösung. Für uns alle!“ Danach hat er sich einfach verabschiedet und ist wieder einmal ganz leise davon geschlichen. Die Welt ist voll mit verkrachten Familien, abwesenden Väter und labilen Müttern, die dir nichts zu sagen haben. Und mit wohlwollenden Verwandten, die es gut mit einem meinen.

Auch Onkel Alex meint es gut. Und während er es so gut meint, durchstöbert er meine Sachen, weil er der vagen Vermutung, dass ich eventuell „Cannabis“ versteckt habe könnte, nachgehen will. Gestern bin ich mit diesen großen Pupillen nach Hause gekommen. – Ich hatte ein paarmal daran gezogen. Da schlägt das Herz schneller und du spürst diese wohlige Ruhe in dir. Und die Gespräche laufen locker und ungezwungen.

Aber zu Hause herrschte dicke Luft. Die grollende Stimme von meinen Onkel war viel zu laut für eine Unterhaltung: Du bist ja total bekifft! Was fällt dir nur ein!

Leise tapse ich über den dunklen Flur.

Wann solltest du zu Hause sein?, da geht das Licht an.

Halb elf.

Und warum kommst du eine Stunde später?

Hab die Bahn verpasst.

Und jetzt bestraft er mich, streicht mir das Taschengeld für diesen Monat und schickt mich auf das Zimmer.

Ich liege auf meinem Bett. Starre Löcher in die Luft, in der Absicht nicht einzuschlafen. Denn im Schlaf kommen diese Bilder. Ungefiltert dringen sie ein. Musik im Ohr hält mich wach.

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David Wonschewski | Autor

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