Manchmal ist ein Mann, eben nur ein Mann!

Da strenge ich mich an. Hier in dieser Ecke passe ich rein. Ohne mich viel verstellen zu müssen. Doch trotz all meinen Bemühungen bin ich hier der Außerirdischer. E.T. höchst persönlich. An andere Orte passe ich besser rein. Ja, dort lässt es sich gut aushalten. Doch das alles hier, das will ich nicht. Und doch gebe ich nicht auf.

Mit so einem Gesicht stehe ich da. Ich fühle mich schon wie ein Aroma-Öl Diffuser. Im dreistufen regulierbarem Intervall versprühe ich geheuchelte Freundlichkeit. Da nicke ich dem dort drüben zu und denke mir, du hast auch eine Gesichtskorrektur nötig. Und hier zwinkere ich der Dame im engen Cocktailkleid zu und denke mir, hast du keinen Spiegel zuhause.

Und dann denke ich mir so, alles geht vorbei. Irgendwann.

Und so sprühe ich vor mich hin. Feinen stinkenden Leckt-mich-doch-alle-am-Arsch-Duftnebel.

Morgen werde ich der erste Mensch auf der Welt sein, welcher Muskelkater im Gesicht hat. Und jetzt weiß ich schon, dass mein Gesicht mir das nie verzeihen wird. Und es wird mich mit Falten belohnen.

Doch kann ich es nicht verstehen, dass sie mich wirklich hier her mitnehmen wollte. Was hat sie sich dabei gedacht? Sie weiß doch, dass hier kein Platz für mich ist. Und doch hat sie gemeint, es gehört sich so. Und alles geht einmal vorbei, hat sie gesagt. Ich soll mich nicht so anstellen.

Und so stelle ich mich auch nicht an und winke zur Abwechslung der netten Servicekraft mit den Tablett in der Hand zu. Sofort ist sie bei mir und ich greife nach einem Glas Bier. Gottseidank, gibt es wenigstens etwas Vernünftiges zu trinken. So denke ich es bei mir und mache den ersten Schluck. Verdammt, was ist denn das für ein Zeug. Pfui Teufel!

Sogleich würge ich ungalant das Gesöff zurück ins Glas und mit so einem Gesicht frage ich die nette Servicedame danach.

Und dann klärt sie mich über diese neue Biersorte auf und meint freundlich: Gipfelstürmer wird es genannt.

Oja, da könnte man losstürmen. Aber nicht auf den Gipfel. Sondern direkt aufs Klo. Verdammt wer sauft den so etwas?

Ungeniert stelle ich das Glas auf ihr Tablett zurück. Dabei schaut sie mich mit solch Augen an. Und mit so einem Gesicht marschiert sie dann wieder ab.

So stehe ich nun da. Und versinke langsam in Selbstmitleid. Doch da entdecke ich das Buffet und sogleich suche ich es auf. Die kleinsten Häppchen der Welt liegen zwischen üppiger Dekoration. So das man erst einmal genau hinschauen muss, um das Essbare herauszufinden. Nach einer guten halben Stunde habe ich mich geradeso angefuttert. Obwohl da noch Platz wäre.

Doch was ist denn das? Etwas Süffiges! Eine mit Wodka getränkte Wassermelone. In Schiffchen geschnitten. Da greife ich zu. Wirklich verdammt gut!

Da kann es sein, dass ich beim fünften Stück angekommen bin und merke einen leichten Seegang. Das Sechste flutscht auch noch gut runter. Beim siebten denke ich mir, hoppla, da scheine ich in eine leichte Seitenlage geraten zu sein. Aber das kann ich noch locker überspielen.

Dort drüben. Mein Schatz. Sie winkt mich zu sich hinüber.

Ich nehme den direkten Weg geradeaus. Einfach der Nasenspitze nach. Und da komme ich an der Tanzfläche vorbei.

Echt geil, das hätte ich nicht erwartet. Oh ja, hier bleibe ich. Mit knallbuntem Licht im Gesicht bringe ich meinen Körper in Bewegung. Die ungeschickten Ausfallschritte kaschiere ich mit Hüftschwung. Und so setze ich ein Zeichen.

Verdammt, die Leute sind jetzt aber echt gut drauf. Die Party könnte wirklich noch etwas werden. Und da gebe ich Gas. Und da kommt „Das knallrote Gummiboot“ und ich gebe alles. Sogleich sitze ich am Boden und rudere um mein Leben. Und siehe an, den anderen scheint es zu gefallen. Sogleich bildet sich hinter mir eine Schlange und wir paddeln im Rhythmus des Liedes.

Und so kann es weiter gehen. Mit der Bierflasche in der Hand. Wir tanzen die Liederliste rauf und runter. Dabei hüpfen wir auf und ab. Stoßen mit den Hüften aneinander. Bilden ein Meer aus hin und her schwingenden Händen.

Und die Musik ist laut. Sie liegt über unseren Köpfen. In der Luft.

Ich werde die Polizei rufen, wenn nicht sogleich die Musik abgedreht wird, schreit jemand herüber.

Der eine stößt mich in die Seite und meint, der Nachbar steht am Zaun. Beschwert sich.

Es ist ein kleiner Blick und danach sind wir uns einig. Dem heizen wir ein. Und so schreien wir im Duett. Dabei tauchen wir so richtig ab. Tief hinab. In den Souterrain unseres primitivsten Wortschatzes. Und dem anderen bleibt die Spucke fast weg. Und dann ist er ganz rot im Gesicht.

Und hierauf droht er uns.

Da platzt mir der Kragen und ich gröle laut zu ihm hinüber: Geh in Arsch, du Vollidiot!

Und da möchte ich meine Fäuste auspacken. Aber da erscheint ihr Gesicht neben diesem aufgeblasenen, alten Knacker. Ja, es ist ihr Gesicht. Wirklich komisch!

He, was machst du da drüben. Hier ist die Party, schreie ich ihr zu.

Ich frage mich, wie du da rüber kommst?, ruft sie zurück.

Upps! Und da habe ich mir schon gedacht, warum die Leute so locker drauf sind und so lässig angezogen.

Und mit so einen bösen Gesicht schaut sie mich an.

Und ihr Vater schaut mich mit solch Augen an. Und dieser Blick wird mir von nun an gehören. Bei jeden zukünftigen Treffen wird er diesen Blick nun aufsetzen. Darauf muss ich nun gefasst sein.

Abmarsch zum Auto! ruft sie böse. Und da ist nichts Liebes mehr dabei.

Holst du mich?, sage ich lallend: Weiß nicht wie ich hier raus komme.

Mit den Händen in der Tasche laufe ich hinter ihr her. Und es dauert bis ich am Auto ankomme. Der Weg dorthin ist gigantisch. Voller Hindernisse und endloslangen Einfahrten.

Und dann sitze ich endlich am Beifahrersitz und wir fahren los. Plötzlich beginne ich zu stöhnen und zu würgen. Sie muss die Fahrt unterbrechen und fährt sogleich rechts ran. Und da mache ich die Autotür auf und falle geradewegs hinaus. Alles was sich in meinem Magen befindet, die kleinsten Häppchen der Welt und die Reste der Wodka-getränkten Wassermelone und das alles in Bier aufgeweicht, befördert sich durch die Speiseröhre nach oben durch den Mund und klatscht in die Wiese. Ich stöhne und japse nach Luft. Doch da durchläuft mich eine Welle kalten Schauders und es verteilt sich der nächste Schwall meines Mageninhalts über den Wiesenboden.

Und nun möchte ich mich aufrappeln, bekomme das Übergewicht und kugle die Böschung hinunter. Alsbald komme ich unten an und denke mir so, da bleibe ich nun liegen. Das ist gerade recht.

Allerdings hält sie es nicht für eine gute Idee und meint, dass ich mich zusammenreißen und heraufkommen soll.

Ich will hier blieben, sage ich.

Jedoch findet sie sich damit nicht ab und sucht den Weg zu mir. Mit aller Kraft versucht sie mich dazu zu bringen mich auf alle Viere zurück zu drehen.

Und jetzt bin ich damit beschäftigt, meinem Körper die notwendigen Signale zu geben, sich endlich fortzubewegen. Es dauert, bis ich mich aus dieser Lage befreie und meine Knochen und Gliedmaße wieder einsammle. Nun bringe ich sie in die richtige Position und erteile meinem Gehirn den Befehl: Los die Böschung hinauf… Und zwar geradewegs!

Und sie dampft und raucht neben mir. Auf allen Vieren krabble ich, von ihr gestützt und geleitet, den Hügel hinauf. Und alsbald sitze ich wieder auf den Beifahrersitz und grunze wie betäubt vor mich hin.

Endlich haben wir unser Ziel erreicht. Unsanft stößt sie mich aus dem komaähnlichen Zustand. Jetzt bin ich wie ein Zombie und mit grotesken Bewegungen befördere ich mich röchelnd aus dem Auto und wackle Richtung Haus. Der Seegang hier ist enorm und da will ich mich beim Zaun anhalten, leider greife ich ins Leer und plumpse kopfüber über die Holzlatten. Und da liege ich mitten auf den Rücken. Am Himmel sind viele Sterne. Ja, heute gibt es keine einzige Wolke!

Schlussendlich schaffe ich es mit Gotteshilfe durch den Garten auf die Terrasse. Dort mache ich eine Pause. Auf der Hollywoodschaukel. Das leise Knarren der Kette wirkt sehr beruhigend und langsam sinke ich in schwarze Watte.

In sonderbaren Stellung werde ich auf der Hollywoodschaukel wieder wach. Da ist ein kleiner Bewusstseinskrümmel im Kopf. Aua! Mit solch kleinen Augen blinzle ich in ein unangenehmes helles Licht. Es fühlt sich an als würde Tonnen auf mir liegen. Mein Körper so schwer. Meine Gliedmaßen so taub. Und im Kopf ein PingPong-Ball, welcher stetig gegen das Innere meines Kopfes knallt. Im Magen explodiert es und ein gärender Geschmack sucht sich seinen Weg hinauf in meinen Mund. Es brennt höllisch die Speiseröhre herauf. Ekelhaft!

Nun versuche ich meinen Körper dazu zu motivieren, sich aus der Starre zu befreien. Das Experiment, mich so lautlos wie möglich zu bewegen, scheitert jedoch. Denn jeder noch so hörbare Laut, jedes noch so kleine Knarzen und Knarren, marschiert trampelnd in meinen Kopf ein, um mit überschäumender Schadenfreude ein Feuerwerk zu zünden. Schwankend schleiche ich ins Haus. Sie bemerkt mich sofort. Allerdings sagt sie nicht viel. Nur mit solch Augen schaut sie mich an. Und sogleich habe ich das Gefühl, etwas sagen zu müssen.

Es war die Wassermelone, sage ich: Ich kann nichts dafür!

 

 

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