Ich bin noch da, Mama!

 

Weißt du, ich kapiere es einfach nicht. So viele Mädchen haben sich heute Nacht an dich ran gemacht. Und du bist auf keine angesprungen. Bist du krank?, sagt er und stopft sich Pommes hinterher.

Ah, sage ich. Dieser Ausruf passiert zwangsläufig ohne der Absicht wirklich zu antworten.

Bin gerade damit beschäftigt am Leben noch dran zu bleiben. Die Nacht schmeißt sich in die Federn und lässt die schalen Reste von gestern für den Tag über. Und der Rest sind wir. Die, die glauben noch etwas essen zu müssen, bevor sich hinter geschlossenen Augen Träume auftun. Wir stecken noch im gestrigen Gestank fest. Klebrige Körperausdünstungen brodeln über unsern Köpfen in der warmen Luft der Burger-Bude. Ein Gemisch aus faden Alkoholdunst, abgestandenem Rauch und durchgeschwitzter Kleidung.

Ich fixiere mit leeren Augen den Burger vor mir. In meinen Kopf geht gar nichts mehr. Die Nacht hat lange gedauert und fordert nun ihren Tribut. Die laute Musik von vorhin hat ein monotones Brummen und Rauschen im Ohr zurückgelassen. Es ist verdammt still hier.

He, lebst du noch?, ruft er und bewirft mich mit Pommes.

Da ziehe ich die Luft tief ein und mein Mund öffnet sich weit, solange bis er sich beim nächsten Ausatmen wieder von selber schließt.

Du wirst doch nicht schon müde sein, sagt er mit solch einer Stimme und einem breiten Grinsen das viele Zähne zeigt.

Lass mich, sage ich so nebenher.

Mit einer Hand wische ich mir über das Gesicht. Doch zeigt es kaum Wirkung. Und da gähne ich nochmals.

Komm schon, sagt er und dann scheint etwas hinter meinen Rücken seine ganze Aufmerksamkeit zu fordern. Seine Augen werden groß, richten sich darauf. Einen Augenblick später wendet er sich wieder seinem Burger zu und sagt mit vollem Mund: Sieh mal, da ist die eine Kleine von vorhin.

Wer?, sage ich.

Du weißt schon. Die eine, die besonders Hübsche, sagt er.

Wen meinst du, und ich drehe mich um, so dass es richtig auffällt und starre mit kleinen, glasigen Augen hinüber zu den neuen Gästen, welche sich gerade an diesen Tisch setzen. Das eine hübsche Gesicht lächelt zu mir herüber. Ich drehe mich wieder zu ihm um.

Nein. Das muss nicht sein, sage ich.

Bist du blöd! Ich verstehe es nicht?, meint er: Für so eine, würden andere töten.

Sie ist okay. Aber…, sage ich.

Komm schon, da geht doch was, meint er.

Was soll denn da gehen?, sage ich müde.

Was ist denn nur mit dir los, Mister Casanova? Die Chance dein Dutzend fertig zu machen, entgegnet er mir und hebt dabei die Augenbrauen.

Meinst du?, frage ich etwas genervt. Eigentlich möchte ich nur noch fertig essen und dann gehen.

Mach die Sache klar, sagt er und er hört gar nicht mehr auf mit den Kopf zu wackeln.

Pass auf das dir das Kopfgewackle nicht bleibt, äußere ich.

Verdammt! Auf mit dir! Und rüber zu der Kleinen, sagt er: Sie sieht die ganze Zeit zu dir herüber.

Vielleicht will sie ja dich, meine ich und kassiere so einen Blick.

Ich drehe mich nochmals um und da senkt sie sogleich den Kopf ein wenig. Doch kann ich ein süßes Lächeln auf ihren Lippen erkennen.

Du nervst, erwidere ich und im gleichen Moment erhebe ich mich schon.

Da gehe ich hinüber. Bleibe vor ihr stehen. Sie richtet ihren Blick auf mich. Solch Augen schauen mich erwartungsvoll an. Und inzwischen passiert etwas ganz Merkwürdiges. Und es passiert in meinen Kopf. Es ist, als würde sich ein Schalter umlegen. Und die Sicht der Dinge verändert sich. Plötzlich erkenne ich die Wahrheit, die mir bis jetzt entgangen ist. Und nun stehe ich da und wackle selber mit den Kopf.

Schönen Tag noch, sage ich und schicke ihr mit meiner Hand eine Bewegung hinüber. Und dann verlasse ich auf schnellsten Weg den Burger-Laden.

Sein Ich-kann-es-nicht-fassen-Kopfschütteln begleitet mich durch die Tür. Dabei suchen die Falten auf seiner Stirn nach einer Erklärung. Doch kann er sie nicht finden. Und so beißt er mit Genuss in seinen Burger hinein.

Die kühle Luft holt mich zurück. Der Tag hat seinen Platz eingenommen und kehrt die Reste der Nacht unter den Teppich. Ich laufe durch die noch leeren Straßen. Die Sonne steht schon am Himmel. Doch ist mir dieses warme orange-gelbe Licht im Weg.

Hier komme ich an. Jemand öffnet die untere Eingangstür. Ich dränge mich hindurch. Dann klopfe ich oben alle aus die Betten.

Was ist los?

Wer ist da?

Verdammt. Wer macht hier Lärm?

Bringt ihn um!

Es öffnet sich die Tür. Ich überrenne die Person dahinter. Sie schickt mir eindeutige Worte nach.

Ich rufe ihren Namen. Sie erscheint im Türrahmen mit einem Gesicht, dass soeben aus dem Bett kommt. Es steckt zwischen zerknautschten Wangen.

Was ist los?, sagt sie leise: Was willst du hier?

Ich muss mit dir reden, sage ich.

Jetzt? Bist du verrückt geworden?, sagt sie.

Die leise Wut der anderen liegt mir im Nacken. Alle wollen eine gute Erklärung hören.

Sie erinnert daran, dass später auch noch genug Zeit dazu wäre, um Wirbel zu machen.

Ich sage ihr, dass ich jetzt da bin.

Sie kommt mit Worten, die meinen Worten den Hals umdrehen.

Ich rede und rede. Ich werfe ihr Bewegungen zu.

Und dann sagt sie etwas. Und die Bewegungen kommen zurück.

Da will ich es ihr begreiflich machen. Ich nehme ihre Hand. Sie lässt es geschehen.

Komm zu einem Ende, sagt jemand von den anderen.

Sag ihr schon, das du sie liebst, meint dann der nächste.

Komm sag es, dass man Liebe nie alleine spürt, entgegnet noch einer.

Für Liebe müssen es immer zwei sein, äußert dann noch jemand.

Ich sage noch, dass es mir nun klar geworden ist, das es nur sie für mich gibt und das sie so viel mehr für mich ist.

Sie fragt: Und nun?

Ich sage nur: Jetzt möchte ich bei dir bleiben?

Sie lässt sich von mir umarmen. Ich drücke sie ganz fest an mich. Und da ist dann dieses Gefühl. Riesengroß. Und es ist watteweich und färbt die Welt himmelblau.

Du könntest eine Dusche gebrauchen, meint sie. Und lächelt dabei.

Da möchte ich sie küssen. Sie wendet den Kopf zur Seite.

Ich habe noch nicht Zähne geputzt, sagt sie.

Das ist doch jetzt scheißegal, sage ich und dann drücke ich meine Lippen auf die Ihrigen. Und mit schalem Geschmack küssen wir uns. Und doch ist es der beste Kuss in meinen ganzen Leben.

Jetzt finde ich Händchen halten nicht mehr eigenartig. Sie kann ich vorzeigen. Dabei stört es mich nicht, ihr den Arm um die Taille zu legen oder sie vor anderen auf den Mund zu küssen.

Und die, die mich kennen? Stehen mit offenen Münder da, wenn sie uns gemeinsam sehen und im einheitlichen Brei sagen sie: Das dir so etwas passiert!

Aber mit der Zeit gewöhnen sie sich an uns. Und auch wir gewöhnen uns aneinander. Nun sind wir zwei. Und ich bin nicht nur mehr allein in meiner Haut.

Und dann beschließen wir, fortan zu zweit am Frühstückstisch zu sitzen. Wir ziehen in unsere erste gemeinsame Wohnung. Und dann machen wir uns ein gemeinsames Leben.

+++

Doch das eine Wochenende beginnt nun anders als gedacht. Da läutet es an der Wohnungstür. Sie möchte nachsehen, wer vor der Tür steht.

Es ist sicher wieder einer von deinen Freunden, meint sie. Und grinst dabei.

Dann höre ich ihr Hallo. Und dann höre ich ein anderes Hallo. Aber es ist nicht eines von meinen Kumpels. Viel zu hoch ist diese Stimme dafür.

Wer ist da?, rufe ich.

Komm doch mal, ruft sie zurück.

Und dann fällt mir die Kinnlade vor die Füße. Ich schlucke. Dann verschlucke ich mich. Räuspere mich laut. Und all dazwischen presse ich heraus: Was machst du hier?

Sie beantwortet meine Fragen mit neuen Fragen.

Möchtest du uns vorstellen, bittet sie.

Da stelle ich sie ihr als meine Schwester vor.

Sogleich bittet sie höflich meine Schwester herein und macht uns Kaffee.

Am großen Tisch in der Küche sitzen wir dann. Und dann muss ich ihr alles sagen. Und ich rede über mich und erzähle von ihr, der Frau an meiner Seite. Sie will mein jetziges Leben ganz genau erklärt haben.

Sie meint, dass würde unsere Eltern echt überraschen.

Ich sage ihr, sie soll unsere Eltern aus dem Spiel lassen.

Aber du musst es ihnen doch erzählen, sagt sie.

Ich werde es schon machen, sage ich.

Du kannst sie doch nicht länger ausschließen. — Sonst sage ich es!

Du hältst deine Klappe. Das ist meine Sache. Halt dich raus, sage ich wieder.

Später ist sie gegangen. Ich habe nichts mehr zu sagen. Und gehe ins Bett. Und sie lässt mich, so wie sie mich immer lässt. Und dafür bin ich ihr dankbar.

+++

Es ist wieder so ein Tag, den man mit seiner Familie verbringt, weil es sich so gehört. Und ich bin mal wieder alleine hingefahren. Ich bin mit solch Worten gekommen, die sie davon überzeugt haben, zuhause zu bleiben.

Als ich zum Mittagessen herunterkomme, sitzen die anderen schon bei Tisch. Drei Kinder sind wir. Dort sitzt meine Schwester. Und auf der anderen Seite ist mein jüngerer Bruder, der sich nur um sein Smartphone kümmert, weil er gerade in diesem Alter ist. Gegenüber sitzt Vater. Groß ist er. Mit breiten Schultern. Mutter ist viel kleiner. Lange, blonde Haare hat sie, welche zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden sind.

Ich setze mich auf meinen Platz. Mutter richtet an und dann essen wir. Und es ist so wie immer. Doch dann kommt sie mit kleinen Sticheleien.

Na was tut sich bei dir?, sagt meine Schwester und sie sieht mich dabei stichgerade an.

Nichts, sage ich zwischen Zähnen und stoße unter dem Tisch mit meinen Fuß gegen ihr Bein.

Au, schreit sie doch auf.

Was ist hier los?, sagt Mutter.

Ich schüttle mit den Kopf und meine, es gäbe nichts besonderes zu erzählen.

Da schimpft Mutter auf das Wetter, weil wir nicht nach dem Essen spazieren gehen können. Vater zieht so ein Gesicht darüber, und ich weiß, dass er sich insgeheim darüber freut, nicht spazieren gehen zu müssen. Mein Bruder steckt noch immer mit seiner Nase in seinen Smartphone fest, und bekommt nichts mit. Mutter sagt, er soll dieses dumme Ding endlich zur Seite legen und essen. Und meine Schwester? Sie rutscht beunruhigt auf ihren Sessel hin und her. Und ich lasse sie nicht aus den Augen.

Zeit vergeht. Und irgendwie habe ich so ein Gefühl dabei. Und dann?

Dann platzt sie damit heraus. Und sie erzählt von der Wohnung. Der eigenen Firma. Von ihr. Von Plänen ein eigenes Haus zu bauen.

Verdammt noch mal!, schrei ich laut: Halt deinen Mund!

Ich schreie so laut, dass sogar mein Bruder den Kopf hebt: Hör endlich auf!

Er ist ein ganzer Mann geworden, sagt sie noch.

Es ist ein solch Moment. So ein ganz stiller. Und ich stehe in ihrer Mitte. Mein Blick fällt in das Gesicht meines Vaters. Er sieht mich stichgerade an. Dabei verzeiht er keine Miene.

Doch was macht er dann? Er atmet einmal hörbar durch. Erhebt sich und geht zur Küchenvitrine. Holt eine halbvolle Flasche heraus. Füllt sich ein wenig ein und schluckt den Schnaps schneller als die Enttäuschung.

Und ihr Blick ist nur traurig. Dabei haben sie an Farbe verloren. Und das verursacht ein Stich ins Herz. Damit habe ich nicht gerechnet, dass mich dieser Anblick so stört.

Und jetzt fühle ich mich so dabei. So dass ich gar nichts mehr sagen kann. Ein saures Gefühl kriecht in mir hoch, verknotet dabei den Magen und macht das Blut laut.

In diesem Moment muss ich einfach raus. Und so stehe ich vor der Haustür. Die Hände in den Hosentaschen. Wippe auf meiner Ferse herum. Starre Löcher in die Luft.

Sie kommt zu mir. Mit Worten, die verlangen, etwas dazu zu sagen.

Ja, ich hätte auch zuhause bleiben können.

Hör doch auf, sagt sie: Das könnte dir so passen.

Ich kann nicht verstehen, dass sie es nicht für sich behalten konnte. Nun ist diese Angelegenheit so groß geworden.

Welche Angelegenheit?, meint sie.

Die, die dich nie etwas angegangen ist, sage ich lauter.

Warum weichst du mir andauernd aus?, sagt sie.

Immerzu muss für dich alles gesagt und getan sein!, sage ich noch etwas lauter.

Bin ich deshalb schlechter als du?, sagt sie.

Nein, du bist niemand mit dem ich darüber sprechen will, sage ich und schüttle den Kopf.

Ich ignoriere ihre Wut auf mich. Da gehe wieder hinein. In der Hoffnung niemanden über den Weg zu laufen und den direkten Weg in mein altes Zimmer nehmen zu können.

Meine Mutter, ist jemand, mit der ich nicht über mich reden will. Denn sie kommt dann immer mit so einen Blick, den sie zwar verbergen versucht, aber trotzdem weiß ich, dass ihr Herz dabei aufgeht, wenn sie nur die geringste Chance wittert, dass sie sich um mich kümmern kann. Und in solchen Moment deckt sie mich mit vielen Gefühlen zu. Und aus meiner Geschichte wird dann plötzlich ihre Geschichte.

Und mein Vater, der ist jemand, der dann fehlt, wenn man über sich sprechen möchte. Und so ist es oft gut, wenn sie nicht allzu viel von mir bemerken.

Doch jetzt bemerken sie mich. Holen mich zu sich ins Wohnzimmer. Vater sitzt mit so einem Gesicht auf der Coach. Er hat Mutters Worte im Gesicht kleben. Mutter steht hinter ihm am Fenster. Sie hat sich kaputt geredet. Rote Augen begrüßen mich.

Ihr habt gesagt, irgendwann gehöre ich auch wohin. Und jetzt gehöre ich endlich wohin, beeile ich mich zu sagen.

So! Und warum dürfen wir es nicht wissen?, sagt sie.

Sind wir niemand, die es etwas angeht, wohin du jetzt gehörst?, meint Vater.

Fand es nicht für notwendig, sage ich: Es gab noch keine Zeit dafür!

Lass deine üblichen Sprüche, sagt Vater.

Rede nicht dumm herum!, sagt sie.

Ihr solltet auch raushalten!

Und dann wird meine Mutter laut. Viel zu laut für eine Aussprache. Und sie macht ihren Standpunkt klar. Und dann macht auch Vater seinen Standpunkt klar.

Doch mache ich mir nichts aus ihren Ansichten und das sage ich auch laut. Und dann mache ich ihnen klar, dass es sie nichts angeht, was ich tue.

Wem geht es nichts an? Vater und mich? Oder meinst du nur mich damit?, sagt Mutter in so einen Ton, der zu sticht. Mitten hinein.

Und da hat sie mich erwischt. Eiskalt. Und es wird mir schwer ums Herz. Ganz schwer. Und ich kann nichts darauf sagen, sonst müsste ich mir danach die Zunge abbeißen. Doch da hat sie es schon aus meinem Gesicht herausgelesen.

Also ich mache dir dein Leben schwer, sagt sie mit so einem Blick.

Und dann ist da gar nichts. Nicht einmal ein Geräusch. Ich starre an die vergilbte Wand. Nur um nicht in ihr Gesicht zu sehen.

Sogleich steht sie vor mir. Sie sagt es mir nochmals ins Gesicht. Und darüber hinaus lässt sie mich wissen, was sie von mir hält. Und es trifft mich. Mitten hinein. Dorthin wo es am meisten nagt. Und dann schließe ich die Augen und sie ist für den Moment weg. Dann ist nur noch dieses schwere Gefühl da.

Sie geht hinaus. Ich öffne wieder die Augen. Mein Blick fällt auf Vater.

Denkst du einmal nach, wenn du etwas sagst?, sagt er nun.

Ich habe doch gar nichts gesagt, verteidige ich mich.

Du bist so erbärmlich, sagt er.

Sie hat sich immer um dich bemüht. War zu jeder Tag- und Nachtzeit für dich da. Zugegeben, vielleicht hat sie manchmal übertrieben. Aber trotz alldem! – Und du stellst dich nun hin und sagst, sie hat in deinen Leben nichts verloren.

Das habe ich doch so gar nicht gesagt, entgegne ich.

Pack deine Sachen und gehe, sagt er noch: Verschwinde einfach!

Ich wurde noch nie von meinem Vater hinausgeworfen!

Doch da bin ich abgehauen. Bis hier her. Nun sitze ich hier am Tresen und beginne den Abend nass zu machen.

Vor wem bist du davon gelaufen?, fragt mich der Typ hinter der Bar.

Was meinst du?, frage ich.

Sag schon!

Und dann erzähle ich ihm meine Geschichte, in der ich als Held auftauche, welcher einfach seine Ruhe haben möchte.

Neben mir, jene, mit denen man trinken kann. Und da ist man nicht allein. Ich reiche meinen Ärger an sie weiter, sodass sie auch etwas davon haben. So kann jeder etwas dazu sagen. Und auch derjenige, mit dem ich so überhaupt nichts zu tun haben möchte, sagt etwas dazu: Sie sollen sich einfach raus halten!

Genau, du hast recht, sage ich, zu denjenigen, mit dem ich nicht anstreifen möchte.

Bist doch alt genug, um zu wissen, wohin es gehen soll, meint der nächste.

Ist ja dein Leben, sagt noch einer.

So ist es!, sage ich.

Etwas später ist mein Stimme verwaschen. Doch um diese Uhrzeit kommt man schon ohne Worte aus. Der eine klopft mir auf die Schulter und ich falle vom Hocker. Ich krieche am Boden herum und versuche wieder hochzukommen. Doch so ganz alleine schaffe ich es nicht mehr. Da helfen sie mir schon auf und werfen mich vor die Tür.

Geh heim! Es ist schon Zeit!, rufe sie mir hinterher.

Und als halber Mensch kehre ich zurück. Der Garten gehört mir alleine. Da stehe ich auf Beinen, welche mich nicht mehr tragen wollen. Und dann räche ich mich hörbar mit Worten, welche mir mit den Alkohol in den Kopf gegossen wurden, an meine schlafenden Eltern vor gekippten Fenster.

Dann kotze ich in die Büsche. Es fällt mir nur so aus dem Gesicht. Faulig und sauer. Danach wird es dunkel um mich und ich kippe einfach um.

Du kannst nun beruhigt sein. Er hat gerade in die Thujen gekotzt und schläft nun in der Wiese im Garten, sagt mein Vater zu meiner Mutter hinter gekippten Fenstern.

Nach einer traumlosen Nacht wache ich am nächsten Tag mit tauben Gliedern und einem modrigen Loch im Magen auf dem harten Wiesenboden auf. Das Gras hat einen Abdruck im Gesicht hinterlassen.

Steh auf!, sagt jemand.

Ich versuche die Augen aufzureißen, doch grelles Licht ist mir im Weg. Erkenne nur Umrisse. Nach ein paarmal Blinzeln wird die Sicht klarer und mein Vater deutlicher.

Er sagt jetzt: Komm und stehe endlich auf?

Unter dem warmen Wasserstrahl der Dusche habe ich mich wieder zurück geholt. Alles ist wieder schön beisammen. Die Sternchen vor den Augen sind weg. Das Loch im Bauch ist zwar immer noch da, aber den modrige Geschmack im Mund habe ich mit einer Menge Wasser hinuntergeschluckt.

Und dann gehe ich mit dem Entschluss mich bemerkbar zu machen, in die Küche zu meiner Mutter. Da bleiben wir für uns übrig. Doch meine Ausreden will sie nicht hören. Und dann habe ich ihr gesagt, dass sie mir oft im Weg ist und ich mich deswegen aufgehalten fühle.

Da macht sie so ein Gesicht. So eins mit Schatten um die Augen. Und da ist mir auch schon fast zum Weinen. Doch versuche ich es nicht zu zulassen.

Was hat das zu bedeuten?, sagt sie.

Ich zähle ihr die Vergangenheit Punkt für Punkt auf. Und jeder Punkt fordert Rechenschaft von ihr.

Ich meine es gut mit dir, sagt sie.

Und mit solch Augen sieht sie mich dabei an.

Und ich sage ihr, dass ich mir wünsche, es gäbe weniger von ihr.

Und da weint sie. Sie fällt mir in die Arme. Sogleich drücke ich sie fest an mich. Und da muss auch ich weinen. Und wir weinen bis zum Ende. Bis die Tränen brennende Gräben auf den Wangen zurücklassen.

Und dann verspricht sie, vorsichtiger zu sein. Sie will sich zurück halten. Und dann müssen wir lachen. Wir lachen bis unsere Gesichter zwischen roten Wangen stecken.

Und trotz alldem weiß ich jetzt schon, es wird nicht lange dauern und sie wird wieder in mein Leben einfallen und alles mit ihrem Gefühl zudecken. Weil sie so ist, wie sie ist und eben nicht aus ihrer Haut kann.

 

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David Wonschewski | Autor

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